Autor: manfred

  • Laut oder leise? Über Sichtbarkeit, Zweifel und Selbstständigkeit

    Laut oder leise? Über Sichtbarkeit, Zweifel und Selbstständigkeit

    Fast ein Jahr ist bereits vergangen. Ich habe ein Konzept, hinter dem ich wirklich stehe, eine Website, über die ich mir viele Gedanken gemacht habe, mittlerweile sogar mit Blog, bin auf Social Media vertreten und bereit, mit meiner Geschäftsidee loszulegen.
    Aber Aufträge: Mangelware…

    Die falschen und die richtigen Anfragen

    Auf LinkedIn regen meine Beiträge tatsächlich hier und da zu Diskussionen an. Die Anfragen, die ich darüber bekomme, sind aber meistens nicht von potenziellen Klient:innen, sondern eher von Menschen, die auf mein Profil aufmerksam geworden sind oder mein Motto toll finden, aber trotzdem noch Verbesserungsbedarf sehen und die mir erklären wollen, wie ich mein Geschäft upscalen, Synergien nutzen und mehr Leads generieren kann. Quick Wins, die sofort mindestens 20 % mehr Umsatz bringen. Garantiert. Auf der anderen Seite gibt es da die Menschen, die es wirklich toll finden, was ich da mache, die mich mal kennenlernen wollen und mir im Gespräch dann davon erzählen, wie cool es ist, dass sie nebenbei noch dies oder das verkaufen und mir die Chance anbieten, da noch mit einzusteigen, um noch etwas dazu zu verdienen.

    Nun, dass ich als Mensch, der eben erst mit seinem Geschäft gestartet ist und sich sozusagen immer noch im Aufbau befindet, Zielgruppe für andere Personen bin, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Leuten wie mir zu helfen, ist mir bewusst und ich finde das auch nicht schlimm. Das ist am Ende auch deren Geschäftsmodell.

    Und außer denen, die auf ein freundliches „Nein, danke!“ nicht reagieren und es immer weiter versuchen (weil es gerade so in ihren Funnel passt), oder denen die tatsächlich patzig werden, wenn ich nicht auf ihr Angebot zur Transformation eingehe (auch schon erlebt), bin ich auch keinem böse und fühle mich nicht genervt. Leben und leben lassen.

    Was mich wirklich nervt ist, dass diese Angebote mich mehr beschäftigen, als ich es zugeben möchte.

    Ich habe mich, als ich anfing, bewusst dafür entschieden, ein Angebot mit „Haltung“ zu machen, nicht aggressiv zu werben und eher langfristig zu arbeiten als auf schnellen Gewinn zu setzen. Deshalb habe ich auch schon potenzielle Klient:innen abgelehnt, die „mal eben schnell“ ein Coaching haben und ein schnelles Ergebnis sehen wollten. Das passt einfach nicht zu meinem Konzept.

    Je weiter die Zeit allerdings voranschreitet, desto mehr mache ich mir Gedanken darüber, ob das wirklich der richtige Weg ist. Ist es nicht vielleicht besser, aggressiver zu werben? Versprechen zu machen und so einfacher Geld zu verdienen? Sollte ich einfach „lauter“ werden?

    Wenn Zweifel auf offene Fragen treffen

    Genau in diese Unsicherheit treffen dann natürlich auch die Angebote, die über LinkedIn hereinkommen.

    Wie schon gesagt nerven mich diese Nachrichten nicht wirklich. Nur, wenn sie sehr penetrant sind oder Grenzen missachten. Was mich eher nervt, ist, dass es keine „guten“ Nachrichten sind. Keine Anfragen, kein offener, neugieriger Austausch.Und dass sie halt genau einen Nerv treffen, nämlich die Unsicherheit, ob mein Konzept Menschen überhaupt erreicht und ob ich davon leben kann.

    Genau deswegen wirken sie trotzdem. Sie spielen mit mir und meinen Ängsten – sicher (oder hoffentlich) nicht bewusst, aber trotzdem wirksam. Ich habe noch nicht die große Erfahrung im Bereich Marketing und Akquise. Gerade deshalb hinterfrage ich oft, ob das alles so richtig ist, was ich tue. Und ob ich nicht doch Unterstützung von Menschen brauche, die sich mit Marketing und Akquise besser auskennen als ich. Ich bemängle ja selbst oft, dass für die „wichtigen“ Dinge nie Geld da ist. Sollte ich also Geld in die Hand nehmen und mich (noch einmal) professionell beraten lassen? Mit der Gründungshilfe der Stadt Köln habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob das für meine konkrete Situation vielleicht zu allgemein war.

    Sicherheit gibt es nicht auf Knopfdruck

    Gerade der Beginn der Selbstständigkeit (und da bin ich noch immer) ist eine Zeit großer Unsicherheit. Ich stelle mich selbst und meine Ideen ständig infrage. Und auch wenn ich von meinem Konzept hundertprozentig überzeugt bin, ist nicht klar, ob potenzielle Klient:innen das genauso sehen. Gedanken wie: Trete ich professionell genug auf? Werde ich als „Sonderling“ wahrgenommen? Als der Typ, der mit Menschen in den Wald geht? Ist den Menschen klar, was ich anbiete?

    Ich habe bei meiner Selbstständigkeit viele Dinge in der Hand – aber nicht alle. Deshalb ist Unsicherheit gerade in der Anfangsphase ein täglicher Begleiter. Und sie wird immer größer, je länger es dauert, bis das Geschäft anläuft.

    Vielleicht verunsichern mich diese Angebote auch deshalb, weil sie etwas versprechen, das ich gerade selbst suche: Sicherheit.

    Ich weiß nicht, ob mein Weg der richtige ist. Vielleicht stehe ich mit anderen Ansätzen ja im Endeffekt besser da? Ich weiß auch nicht, ob sich diese Unsicherheit in naher Zukunft bessert oder wie die nächsten sechs Monate aussehen. Momentan fühlt sich mein Ansatz für mich stimmig an. Bedacht, geplant und nachhaltig. Ohne Schnellschüsse und vor allem ohne Dinge, hinter denen ich nicht zu 100 Prozent stehen kann.

    Aber das kann sich auch alles noch ändern.

  • Was sich verändert, wenn Gespräche draußen stattfinden

    Was sich verändert, wenn Gespräche draußen stattfinden

    Ich sitze zu Hause oder im Büro und das Telefon klingelt. Ich sehe, wer mich anruft und weiß gleich: Das wird ein intensives Gespräch. Automatisch stehe ich auf und beginne, mich beim Sprechen zu bewegen. Mir fällt die Unterhaltung dann sofort leichter. Die Gedanken kommen schneller ins Fließen.

    Das gilt nicht nur am Telefon. „Schwierige“ Gespräche habe ich schon immer lieber bei einem Spaziergang geführt, als irgendwo sitzend und sich anschauend.

    Im Gehen entsteht ein anderer Rhythmus

    So erlebe ich es dann auch beim Coaching in der Natur. Coach und Coachee passen sich einander an, haben dasselbe Tempo und finden einen gemeinsamen Rhythmus. Die Natur wird zum Raum. Gedanken kommen in Bewegung und der Coachee kommt ins Erzählen. Lange Pausen werden nicht unangenehm, sondern geben Zeit zum Denken.

    Bewegung verändert das Denken. Zuerst habe ich das auf langen Wanderungen erlebt, die ich alleine unternommen habe. Alleine mit meinen Gedanken kamen Ideen und Lösungen, auf die ich in meinem Bürostuhl wohl nicht so leicht gekommen wäre. Heute erlebe ich das vor allem im Gespräch mit meinen Klient:innen. Es entsteht ein anderer Rhythmus und neue Gedanken bilden sich. Nichtschneller, aber meistens klarer. Andere Gedankendürfen liegen bleiben und kommen erst später wieder zum Vorschein.

    Auch der fehlende direkte Blickkontakt spielt eine große Rolle. Dass man sich nicht die ganze Zeit anschauen muss, entschärft die Situation. Das Gespräch wird freier, fast wie ein Selbstgespräch. Formulierungen werden vorsichtiger und oft ehrlicher.

    Hinzu kommt, dass in der Natur Bilder fast von selbst entstehen. Ein endlos scheinender Weg, eine Gabelung, ein zu überwindendes Hindernis… Solche Dinge werden manchmal aufgegriffen, ohne dass ich sie einführen muss. Und wenn ein Gespräch ins Stocken kommt, muss ich nicht sofort reagieren. Manchmal reicht es dann, kurz stehen zu bleiben, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken oder eine kleine Übung einzubauen. Nicht als Methode, sondern eher als Unterbrechung, die Raum schafft.

    Der Raum verändert sich

    Auch das Wetter spielt eine Rolle. Ich werde oft gefragt, ob das Ganze nicht sehr saisonabhängig ist. Ich antworte dann: Jein.

    Die Idealvorstellung ist klar: ein milder Frühlingstag, angenehme Temperaturen, vielleicht Vogelgezwitscher. Aber wer führt da schon tiefsinnige Gespräche? Oft sind es die trüben, verregneten oder kalten Tage, an denen Gedanken schwerer werden und das Bedürfnis entsteht, etwas auszusprechen. Das Wetter macht etwas mit der Stimmung und damit auch mit dem Gespräch. Der Raum verändert sich. Das Licht ist anders, die Luft, vielleicht regnet es. Für mich ist das kein Grund, eine geplante Einheit abzusagen. Im Gegenteil: Gerade unter weniger „idealen“ Bedingungen entstehen oft andere, manchmal klarere Gedanken.

    Kann also jede:r von einem Coaching in Bewegung profitieren? Ganz klar: nein. Wie in jedem anderen Setting gilt: Wenn ich mich nicht darauf einlassen kann oder mich dabei unwohl fühle, wird sich wenig entwickeln.

    Die Natur ist kein besonderer Ort, an dem plötzlich alles funktioniert. Aber sie kann ein Raum sein, in dem sich etwas zeigen darf, wenn die Bereitschaft da ist, sich darauf einzulassen.

    Genau das ist es, was Gespräche draußen ausmacht. Sie verlaufen anders. Weniger geradlinig, weniger kontrolliert und vielleicht gerade deshalb oft näher an dem, was wirklich beschäftigt.

    Nicht jedes Thema gehört nach draußen. Nicht jede Person fühlt sich damit wohl. Und nicht jedes Gespräch wird dadurch automatisch besser. Aber wenn die Bereitschaft da ist, sich darauf einzulassen, kann Bewegung etwas öffnen, das im Sitzen oft verborgen bleibt.

    Und wenn nicht, dann bleibt es eben ein Spaziergang.

  • Was Waldbaden ist – und wie ich damit arbeite

    Was Waldbaden ist – und wie ich damit arbeite

    Wenn ich erzähle, dass ich als Kursleiter für Waldbaden arbeite, kommt oft die gleiche Frage: „Was ist das eigentlich?“ Die Vorstellungen dazu sind sehr unterschiedlich. Manche denken an Baden im See, andere an „Baumkuschler“, wieder andere verorten das Thema irgendwo im Esoterischen. Einiges davon hat Berührungspunkte mit dem, was ich mache. Vieles trifft es nicht. Und manches ist ein Zugang, der für andere stimmig sein mag, aber nicht meiner ist.

    Ich muss zugeben: Ich wusste früher selbst nicht, was Waldbaden ist – obwohl ich es längst praktiziert habe.Als Kind war ich viel draußen. Der Wald lag direkt vor der Haustür. Später, in Köln, waren es die Pfadfinder, die diese Verbindung zur Natur weitergetragen haben. Dort bin ich auch das erste Mal mit „Übungen“ (bzw. Spielen) in Kontakt gekommen, die mir später bei meiner Ausbildung zum Kursleiter Waldbaden wieder begegnen sollten. Da gab es dann „Kim-Spiele“, wo es Dinge zu ertasten, zu hören und zu riechen gab, „Phantasiereisen“ unter Bäumen oder Team- und Gruppenübungen, bei denen man sich blind durch den Wald führen ließ.

    In einer Phase, in der ich selbst stark belastet war, habe ich wieder angefangen, bewusst Zeit draußen zu verbringen – und gemerkt, wie gut mir das tut. Als ich später den Entschluss gefasst habe, mich als Coach und Supervisor selbstständig zu machen, stellte sich für mich die Frage: Wie kann ich diese Erfahrung auch anderen zugänglich machen? Auf der Suche nach einem Rahmen dafür bin ich auf das Waldbaden gestoßen.

    Was hinter dem Begriff steckt

    Der Begriff „Waldbaden“ stammt aus dem Japanischen. Shinrin Yoku, wie es da heißt, bedeutet in etwa „ein Bad in der Waldluft nehmen“. Er entstand dort Anfang der 1980er Jahre, als man versuchte, der zunehmenden beruflichen Belastung, der „Verstädterung“ und dem zunehmenden Leistungsdruck etwas entgegenzusetzen.

    Dieser Ansatz hat mich direkt angesprochen. Auch hier steigt die berufliche Belastung. Gerade in einer Großstadt wie Köln geraten einfache Dinge schnell aus dem Blick – zum Beispiel, einfach mal rauszugehen und im Grünen zu sein. Der Ausgleich zum Alltag besteht oft aus Sport. Das ist gut und wichtig, führt aber nicht unbedingt dazu, wirklich zur Ruhe zu kommen.

    In Japan begann man damals zu untersuchen, wie sich der Aufenthalt im Wald auf Körper und Psyche auswirkt. Dabei zeigte sich schnell: Schon kurze Zeit in der Natur kann den Blutdruck senken, das Stresshormon Cortisol reduzieren und die Stimmung verbessern. Wobei natürlich zu erwähnen ist, dass schon Pfarrer Sebastian Kneipp im 19. Jahrhundert seinen Patienten nach seinem bekannten Wassergang empfahl, einen sogenannten „Waldgang“ zu machen. Auch wenn es dabei weniger um Achtsamkeit als um Kräftigung ging, zeigt sich doch, dass die heilsame Wirkung des Waldes auch hierzulande längst bekannt war.

    Heute verstehen wir unter Waldbaden eine bewusst achtsame Form des Aufenthalts im Wald. Es geht nicht um Sport, nicht um Bewegung im klassischen Sinne und nicht um Zielorientierung, sondern um Wahrnehmen, Spüren und Innehalten. Die Natur wird mit allen Sinnen erfahren: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen – vielleicht sogar Schmecken. Durch das langsame Tempo und die Offenheit für das, was da ist, entsteht ein Raum, in dem sich Körper und Geist auf natürliche Weise regulieren können. Die Übungen zur Achtsamkeit verstärken diese Wirkung.

    Wie ich damit arbeite

    Als ich begann, mich intensiver mit Waldbaden zu beschäftigen, wurde für mich schnell klar, dass sich das gut mit meiner bisherigen Arbeitsweise verbinden lässt. Viele Gespräche finden bei mir ohnehin in Bewegung statt. Im Gehen entsteht oft eine andere Form von Ruhe. Gedanken sortieren sich anders, Pausen entstehen von selbst.

    Die Impulse aus dem Waldbaden greifen genau das auf. Sie unterbrechen Gespräche nicht, sondern öffnen sie. Es entsteht Raum – nicht nur für Worte, sondern auch für Wahrnehmung. Ich erlebe dabei immer wieder, dass Menschen etwas mitnehmen, das über das Gespräch hinausgeht. Etwas, das sich auch im Alltag wiederfinden lässt – sei es eine kurze Pause, ein bewusster Moment draußen oder einfach das Gefühl, wieder etwas mehr bei sich zu sein.

    Ähnliches gilt auch für Teams. Es braucht dafür nicht zwingend den „Wald“. Oft reichen schon kleine Sequenzen im Grünen. Entscheidend ist weniger der Ort als die Erfahrung, sich gemeinsam aus dem üblichen Tempo herauszunehmen.

    Was Waldbaden für mich bedeutet

    Für mich ist es mehr als eine Methode. Es ist eine Einladung, das Tempo zu verändern und für einen Moment aus dem herauszutreten, was den Alltag oft bestimmt. Es braucht dafür nichts weiter als die Bereitschaft, sich darauf einzulassen – und den Anspruch loszulassen, dabei etwas erreichen zu müssen.

    Vielleicht ist genau das für viele ungewohnt. Und vielleicht ist es gerade das, was so gut tut: nicht zu müssen, sondern zu dürfen.

  • Begleiten statt reparieren – warum ich im Coaching keine Lösungen anbiete

    Begleiten statt reparieren – warum ich im Coaching keine Lösungen anbiete

    Ein Coaching-Gespräch entwickelt sich. Ob beim „klassischen“ Face-to-Face oder beim Wandercoaching. Man lernt sich kennen, klärt, worum es geht, und irgendwann fängt mein Gegenüber an zu erzählen. Ich höre zu, bleibe aufmerksam, paraphrasiere und gebe dem Menschen vor mir den Raum, den er braucht. Dabei höre ich natürlich nicht auf zu denken, sondern komme – durch meine persönliche Lebensgeschichte, meine Erfahrung und meine Ausbildung – selbst auf Lösungen, von denen ich überzeugt bin, dass sie jetzt hilfreich sein könnten.

    Der Impuls zu helfen

    Und dann kommt der Moment des „Helfen-Wollens“.
    Mir als Coach scheint die Lösung des Problems zum Greifen nahe. Ich muss nur die richtige Frage stellen, mein Gegenüber ein wenig in die richtige Richtung „schubsen“, und schon wird die Person sehen, was mir schon die ganze Zeit klar ist. Doch mein Gegenüber kommt scheinbar nicht darauf, verliert sich in Erzählungen, weicht vom so offensichtlichen Kern des Problems ab, macht neue Baustellen auf. Bei mir macht sich Ungeduld breit.

    Was für ein Erfolgserlebnis wäre es doch jetzt, die Lösung einfach auszusprechen. Mit einem Satz dafür zu sorgen, dass sich alles ordnet. Welche Anerkennung meiner Fähigkeiten würde ich bekommen? So ein großartiger Coach – kommt direkt ohne Umschweife auf den Kern des Problems.

    Das wäre sicher vor vielen Jahren noch mein Ziel gewesen. Denn ich bin ja in den sozialen Bereich gegangen, um Menschen zu helfen. Und wie könnte ich ihnen besser helfen, als mit all meinem Wissen ihre Probleme zu lösen?

    Der Zweifel

    Was aber, wenn ich jetzt nicht helfe – die Lösung nicht präsentiere, die doch so offensichtlich scheint? Kommt dann bei meinem Gegenüber irgendwann der Gedanke auf, dass ich eigentlich gar nichts kann? Dass ich nur dafür bezahlt werde, ständig Dinge in anderen Worten zu wiederholen, die die Person ohnehin schon weiß? Dass ich ein schlechter Coach, ein schlechter Supervisor – vielleicht sogar ein schlechter Mensch – bin?

    Und was macht das mit mir? Verschwende ich hier nur Zeit? Gebe ich nur vor zu helfen? Was mache ich eigentlich? Ich stelle doch nur wenige Fragen und wiederhole meistens das, was mein Gegenüber mir sagt. Und das Ganze vielleicht noch auf einem netten Spaziergang. Verliere ich die Kontrolle über die Gesprächsführung, wenn ich jetzt nicht eingreife? Werde ich eigentlich gar nicht gebraucht, weil die Person vielleicht selbst auf ihre „Lösung“ kommt?

    Begleiten oder reparieren

    Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob ich begleite oder repariere.

    Die größte Herausforderung für mich als Coach ist es, Dinge auszuhalten. Auszuhalten, dass Klient:innen das Thema wechseln, ausufernd erzählen oder auch einmal nichts sagen. Dabei ist gerade die Stille oft der beste Raum für Neues – und hier hilft die Natur. Es fällt deutlich leichter, schweigend zu gehen, als sich schweigend gegenüberzusitzen.

    Ich habe schon oft erlebt, dass Menschen, wenn ich sie nicht mit Fragen bombardiere und ihnen Zeit und Raum lasse, gelöster wirken. Manchmal finden sie dann leichter Zugang zu ihren Emotionen. Gelegentlich biete ich Worte für Gefühle an – ob sie passen oder nicht, entscheidet immer die Person selbst.

    Oft zeigt sich genau hier etwas Entscheidendes. Viele Menschen sind sich, wenn sie vor Entscheidungen stehen, selbst gar nicht darüber im Klaren, wie sie eigentlich dazu stehen. Stattdessen orientieren sie sich an Erwartungen, an Ratschlägen anderer oder daran, was vermeintlich „vernünftig“ wäre. Nicht immer an dem, was sie selbst wollen.

    Wenn ich also zulasse und nicht lenke, nehme ich Druck aus dem Gespräch. Es entsteht Raum für neue Ideen und Perspektiven.

    Begleiten heißt für mich vor allem: aushalten.

    Das Gespräch wird oft tiefer und lebendiger, und mein Gegenüber kann selbst bestimmen, wohin es sich entwickelt.

    Wenn Menschen ihre eigenen Lösungen finden

    Wenn ich nicht repariere, sondern begleite, sprechen Menschen oft offener, assoziativer und freier. Sie bewegen sich nicht im Korsett meiner Fragen oder Vorschläge, sondern in ihrem eigenen Raum. Anfangs vielleicht noch etwas unsicher – dann zunehmend stabiler und selbstbewusster.

    Der Prozess dauert manchmal länger. Aber am Ende bleibt nicht meine Lösung zurück, sondern eine eigene, tragfähige. Vielen wird der Weg klarer, den sie einschlagen möchten, und sie werden sich ihrer Entscheidungen bewusster.

    Bei vorgefertigten Lösungen bleiben dagegen oft Fragen offen – spätestens dann, wenn jemand später wieder allein mit dem Thema ist.

    Entscheidungsfähigkeit lässt sich nicht verordnen.
    Sie muss wachsen.

    Offen bleibt natürlich auch hier, wie jemand mit dem neuen Verständnis umgeht. Aber genau das gehört für mich zum Prozess. Wie – oder ob – ein Problem schließlich angegangen wird, liegt letztlich immer in der Verantwortung des Menschen selbst.