Ein Coaching-Gespräch entwickelt sich. Ob beim „klassischen“ Face-to-Face oder beim Wandercoaching. Man lernt sich kennen, klärt, worum es geht, und irgendwann fängt mein Gegenüber an zu erzählen. Ich höre zu, bleibe aufmerksam, paraphrasiere und gebe dem Menschen vor mir den Raum, den er braucht. Dabei höre ich natürlich nicht auf zu denken, sondern komme – durch meine persönliche Lebensgeschichte, meine Erfahrung und meine Ausbildung – selbst auf Lösungen, von denen ich überzeugt bin, dass sie jetzt hilfreich sein könnten.
Der Impuls zu helfen
Und dann kommt der Moment des „Helfen-Wollens“.
Mir als Coach scheint die Lösung des Problems zum Greifen nahe. Ich muss nur die richtige Frage stellen, mein Gegenüber ein wenig in die richtige Richtung „schubsen“, und schon wird die Person sehen, was mir schon die ganze Zeit klar ist. Doch mein Gegenüber kommt scheinbar nicht darauf, verliert sich in Erzählungen, weicht vom so offensichtlichen Kern des Problems ab, macht neue Baustellen auf. Bei mir macht sich Ungeduld breit.
Was für ein Erfolgserlebnis wäre es doch jetzt, die Lösung einfach auszusprechen. Mit einem Satz dafür zu sorgen, dass sich alles ordnet. Welche Anerkennung meiner Fähigkeiten würde ich bekommen? So ein großartiger Coach – kommt direkt ohne Umschweife auf den Kern des Problems.
Das wäre sicher vor vielen Jahren noch mein Ziel gewesen. Denn ich bin ja in den sozialen Bereich gegangen, um Menschen zu helfen. Und wie könnte ich ihnen besser helfen, als mit all meinem Wissen ihre Probleme zu lösen?
Der Zweifel
Was aber, wenn ich jetzt nicht helfe – die Lösung nicht präsentiere, die doch so offensichtlich scheint? Kommt dann bei meinem Gegenüber irgendwann der Gedanke auf, dass ich eigentlich gar nichts kann? Dass ich nur dafür bezahlt werde, ständig Dinge in anderen Worten zu wiederholen, die die Person ohnehin schon weiß? Dass ich ein schlechter Coach, ein schlechter Supervisor – vielleicht sogar ein schlechter Mensch – bin?
Und was macht das mit mir? Verschwende ich hier nur Zeit? Gebe ich nur vor zu helfen? Was mache ich eigentlich? Ich stelle doch nur wenige Fragen und wiederhole meistens das, was mein Gegenüber mir sagt. Und das Ganze vielleicht noch auf einem netten Spaziergang. Verliere ich die Kontrolle über die Gesprächsführung, wenn ich jetzt nicht eingreife? Werde ich eigentlich gar nicht gebraucht, weil die Person vielleicht selbst auf ihre „Lösung“ kommt?
Begleiten oder reparieren
Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob ich begleite oder repariere.
Die größte Herausforderung für mich als Coach ist es, Dinge auszuhalten. Auszuhalten, dass Klient:innen das Thema wechseln, ausufernd erzählen oder auch einmal nichts sagen. Dabei ist gerade die Stille oft der beste Raum für Neues – und hier hilft die Natur. Es fällt deutlich leichter, schweigend zu gehen, als sich schweigend gegenüberzusitzen.
Ich habe schon oft erlebt, dass Menschen, wenn ich sie nicht mit Fragen bombardiere und ihnen Zeit und Raum lasse, gelöster wirken. Manchmal finden sie dann leichter Zugang zu ihren Emotionen. Gelegentlich biete ich Worte für Gefühle an – ob sie passen oder nicht, entscheidet immer die Person selbst.
Oft zeigt sich genau hier etwas Entscheidendes. Viele Menschen sind sich, wenn sie vor Entscheidungen stehen, selbst gar nicht darüber im Klaren, wie sie eigentlich dazu stehen. Stattdessen orientieren sie sich an Erwartungen, an Ratschlägen anderer oder daran, was vermeintlich „vernünftig“ wäre. Nicht immer an dem, was sie selbst wollen.
Wenn ich also zulasse und nicht lenke, nehme ich Druck aus dem Gespräch. Es entsteht Raum für neue Ideen und Perspektiven.
Begleiten heißt für mich vor allem: aushalten.
Das Gespräch wird oft tiefer und lebendiger, und mein Gegenüber kann selbst bestimmen, wohin es sich entwickelt.
Wenn Menschen ihre eigenen Lösungen finden
Wenn ich nicht repariere, sondern begleite, sprechen Menschen oft offener, assoziativer und freier. Sie bewegen sich nicht im Korsett meiner Fragen oder Vorschläge, sondern in ihrem eigenen Raum. Anfangs vielleicht noch etwas unsicher – dann zunehmend stabiler und selbstbewusster.
Der Prozess dauert manchmal länger. Aber am Ende bleibt nicht meine Lösung zurück, sondern eine eigene, tragfähige. Vielen wird der Weg klarer, den sie einschlagen möchten, und sie werden sich ihrer Entscheidungen bewusster.
Bei vorgefertigten Lösungen bleiben dagegen oft Fragen offen – spätestens dann, wenn jemand später wieder allein mit dem Thema ist.
Entscheidungsfähigkeit lässt sich nicht verordnen.
Sie muss wachsen.
Offen bleibt natürlich auch hier, wie jemand mit dem neuen Verständnis umgeht. Aber genau das gehört für mich zum Prozess. Wie – oder ob – ein Problem schließlich angegangen wird, liegt letztlich immer in der Verantwortung des Menschen selbst.

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