Ich sitze zu Hause oder im Büro und das Telefon klingelt. Ich sehe, wer mich anruft und weiß gleich: Das wird ein intensives Gespräch. Automatisch stehe ich auf und beginne, mich beim Sprechen zu bewegen. Mir fällt die Unterhaltung dann sofort leichter. Die Gedanken kommen schneller ins Fließen.
Das gilt nicht nur am Telefon. „Schwierige“ Gespräche habe ich schon immer lieber bei einem Spaziergang geführt, als irgendwo sitzend und sich anschauend.
Im Gehen entsteht ein anderer Rhythmus
So erlebe ich es dann auch beim Coaching in der Natur. Coach und Coachee passen sich einander an, haben dasselbe Tempo und finden einen gemeinsamen Rhythmus. Die Natur wird zum Raum. Gedanken kommen in Bewegung und der Coachee kommt ins Erzählen. Lange Pausen werden nicht unangenehm, sondern geben Zeit zum Denken.
Bewegung verändert das Denken. Zuerst habe ich das auf langen Wanderungen erlebt, die ich alleine unternommen habe. Alleine mit meinen Gedanken kamen Ideen und Lösungen, auf die ich in meinem Bürostuhl wohl nicht so leicht gekommen wäre. Heute erlebe ich das vor allem im Gespräch mit meinen Klient:innen. Es entsteht ein anderer Rhythmus und neue Gedanken bilden sich. Nichtschneller, aber meistens klarer. Andere Gedankendürfen liegen bleiben und kommen erst später wieder zum Vorschein.
Auch der fehlende direkte Blickkontakt spielt eine große Rolle. Dass man sich nicht die ganze Zeit anschauen muss, entschärft die Situation. Das Gespräch wird freier, fast wie ein Selbstgespräch. Formulierungen werden vorsichtiger und oft ehrlicher.
Hinzu kommt, dass in der Natur Bilder fast von selbst entstehen. Ein endlos scheinender Weg, eine Gabelung, ein zu überwindendes Hindernis… Solche Dinge werden manchmal aufgegriffen, ohne dass ich sie einführen muss. Und wenn ein Gespräch ins Stocken kommt, muss ich nicht sofort reagieren. Manchmal reicht es dann, kurz stehen zu bleiben, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken oder eine kleine Übung einzubauen. Nicht als Methode, sondern eher als Unterbrechung, die Raum schafft.
Der Raum verändert sich
Auch das Wetter spielt eine Rolle. Ich werde oft gefragt, ob das Ganze nicht sehr saisonabhängig ist. Ich antworte dann: Jein.
Die Idealvorstellung ist klar: ein milder Frühlingstag, angenehme Temperaturen, vielleicht Vogelgezwitscher. Aber wer führt da schon tiefsinnige Gespräche? Oft sind es die trüben, verregneten oder kalten Tage, an denen Gedanken schwerer werden und das Bedürfnis entsteht, etwas auszusprechen. Das Wetter macht etwas mit der Stimmung und damit auch mit dem Gespräch. Der Raum verändert sich. Das Licht ist anders, die Luft, vielleicht regnet es. Für mich ist das kein Grund, eine geplante Einheit abzusagen. Im Gegenteil: Gerade unter weniger „idealen“ Bedingungen entstehen oft andere, manchmal klarere Gedanken.
Kann also jede:r von einem Coaching in Bewegung profitieren? Ganz klar: nein. Wie in jedem anderen Setting gilt: Wenn ich mich nicht darauf einlassen kann oder mich dabei unwohl fühle, wird sich wenig entwickeln.
Die Natur ist kein besonderer Ort, an dem plötzlich alles funktioniert. Aber sie kann ein Raum sein, in dem sich etwas zeigen darf, wenn die Bereitschaft da ist, sich darauf einzulassen.
Genau das ist es, was Gespräche draußen ausmacht. Sie verlaufen anders. Weniger geradlinig, weniger kontrolliert und vielleicht gerade deshalb oft näher an dem, was wirklich beschäftigt.
Nicht jedes Thema gehört nach draußen. Nicht jede Person fühlt sich damit wohl. Und nicht jedes Gespräch wird dadurch automatisch besser. Aber wenn die Bereitschaft da ist, sich darauf einzulassen, kann Bewegung etwas öffnen, das im Sitzen oft verborgen bleibt.
Und wenn nicht, dann bleibt es eben ein Spaziergang.

Schreibe einen Kommentar